Paulo-Freire-Gruppe München, damals Paulo Freire Gesellschaft eV.

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Pressemitteilung Sonntag, 4. Mai 1997

Wir haben einen Freund verloren


Paulo Freire starb 75-jährig in Sao Paulo


Am Freitag, 2. Mai '97 verstarb unser Freund und Vorbild Paulo Freire.

Wie kein anderer pflegte er den Dialog und ermunterte alle pädagogisch und politisch Tätigen,
die Lebenswelt mit den Lernenden zu teilen und mit ihnen gemeinsam Wege zu entwickeln,
ihre Situation zu verändern. Wir werden versuchen, sein Anliegen weiter zu verwirklichen.

Kurzporträt Paulo Freire
Geboren am 19.9.1921 in Recife (Nordosten Brasilien) unter dem Namen Paulo Reglus Neves Freire
1928 aufgrund der Weltwirtschaftskrise, Umzug mit der Familie nach Joboatao. Als Paulo Freire 13 Jahre alt war, starb der Vater und für eine ganze Reihe von Jahren regierte der Hunger in Paulo Freires Leben. "In der Schule konnte ich das Vierer-einmaleins nicht, kannte auch nicht die Hauptstadt Englands, ich kannte aber die Geographie des Hungers..." Mit großer Anstrengung gelang es ihm, ein Jurastudium zu absolvieren.
1944 Heirat mit Elza Maria Oliviera, einer Grundschullehrerin. Von ihr wurde er angeregt, sich intensiv mit erziehungswissenschaftlichen Fragen auseinanderzusetzen.
1946 Arbeit als Lehrer für portugiesische Sprache in der Abteilung für Erziehung und Kultur im Sozialdienst der Industrie, später dort als Direktor für den Bundesstaat Pernambuco tätig.
1956 verließ Freire sein Amt im Sozialdienst der Industrie teils wegen Unstimmigkeiten mit der Unternehmensseite bezüglich seiner demokratischen Arbeitsmethode, teils weil ihm die Grenzen der assistenzialistischen Hilfe bewußt wurde.
1961 startete eine von Freire konzipierte Alphabetisierungskampagne in Brasilien auf nationaler Basis. Der damalige Präsident Goulart ordnete an, daß mit Freire's Methode in "20.000 Kulturzirkeln" 2 Millionen Erwachsene alphabetisiert werden sollten..
1964 Staatsstreich durch die Militärs, Freire mußte 75 Tage ins Gefängnis und dann ins Exil. In der Folgezeit arbeitete er u.a. 4 Jahre in Chile (Agrarministerium, Fortbildung für landlose Bauern) und ein Jahr an der Universität in Harvard (USA) als Gastprofessor.
1971 übernahm er beim Ökumenischen Rat der Kirchen in Genf die Stelle als Berater für Bildungsfragen in den "Entwicklungsländern". In dieser Zeit war er in vielen Ländern (spez. in Sao Tomé und Principe, Mozambik, Angola, Nicaragua) tätig.
1980 nach der Demokratisierung in Brasilien die Erlaubnis zur Rückkehr aus dem Exil. Dort Mitarbeit u.a. im Rahmen der Erzdiözese Sao Paulo (Kardinal Arns), an der Kath. Universität (PUC), sowie ab 1989 als Stadtrat für Erziehungsangelegenheiten in Sao Paulo.
1991 trat Freire von diesem Posten zurück, um wieder mehr im Bereich der wissenschaftlichen und beraterischen Arbeit tätig zu sein.
1994 hatten wir Paulo Freire und seine zweite Frau, die Historikerin Ana Maria Freire in München zu Gast.
Zu seinem zentralen Thema "Verantwortung in der dritten und ersten Welt übernehmen."
"Die an mich oft gerichtete Frage oder Feststellung lautet: "Paulo, Du bist ja schon ein interessanter Mensch. Auch Dein Diskurs ist schön, aber Du sprichst nicht von unserer Wirklichkeit. Wir, in der Ersten Welt, haben nichts mit dieser Bewußtseinsbildung zu tun." Hinter solchen Feststellungen oder Fragen verbirgt sich in Wirklichkeit die Angst davor, die Dritte Welt in der Ersten Welt zu entdecken. Es ist die Angst davor, die Verantwortung für die ungerechte Weltordnung zu übernehmen, "anzunehmen". Es ist das Schuldgefühl, Erst-Weltler zu sein. Dieses Schuldgefühl sollte abgelegt, am besten auf den Müllhaufen geworfen werden. Keine Angst vor der Freiheit zu haben, das ist notwendig. Ich spreche von Pädagogik, der Wissenschaft der Erkenntnis, von Politik etc. und ich glaube nicht, daß alle diese Bereiche, über die ich spreche, daß es diese Bereiche in der "1. Welt" nicht geben soll. Ich spreche genau von dieser pädagogischen Beziehung zwischen den Menschen und ich glaube nicht, daß diese pädagogische Beziehung zwischen den Menschen der "1. Welt" nicht stattfindet. Das ist also die "Angst vor der Freiheit" von den "Erst-WeltlerInnen". Ich sage Euch aber auch, daß ich Angst vor der Freiheit habe. Was ich aber wirklich versuche, in meinem Leben zu praktizieren, ist: die Freiheit zu lieben und nicht Angst vor ihr zu haben."

Paulo Freire hat von über 20 Universitäten die Ehrendoktorwürde erhalten. Seine Bücher sind in 18 Sprachen weltweit übersetzt. Die wichtigsten Bücher, in denen er die Grundelemente seiner befreienden Pädagogik darlegte, waren:
Pädagogik der Unterdrückten, Reinbeck, 1973 -Manuskript 1968.
Pädagogik der Solidarität - Für eine Entwicklungshilfe im Dialog, Wuppertal, 1974
Erziehung als Praxis der Freiheit, Reinbeck 1977 (in Brasilien 1965 erschienen)
Dialog als Prinzip - Erwachsenenalphabetisierung in Guinea-Bissau, Wuppertal, 1980.
"Der Lehrer ist Politiker und Künstler - Neue Texte zur befreienden Bildungsarbeit", Reinbeck 1981
1994 erschien das Buch "Pädagogik der Hoffnung" in Englisch und Portugiesisch, eine engagierte Anwendung seiner Erziehungskonzeption auf die 90er Jahre.
Sein letztes Buch "Im Schatten des Mangobaumes" (Rio 1995) kann als Kritik am neoliberalen Wirtschaftsmodell gelesen werden. In ihm entwickelt er die Aufgaben des dialog-orientierten progressiven Pädagogen in postmodernen Zeiten.
Die Ideen Paulo Freire's wurden hier durch die 1977 gegründete Europäische Arbeitsgruppe Bewußtseinsbildung verbreitet, die sieben Mitgliedsgruppen umfasste: ArbeitsGemeinschaft SozialPolitischer ArbeitsKreise München, Centro di Animazione per 'l Autogestione Populare (Palermo / Italien), Friedensuniversität Namur (Belgien) Jugendakademie Walberberg (Bornheim- Köln) Institut Oecuménique pour le Dévelopement des Peuples (Paris), Mouvement d' Animation de Base / International Ontmoetingscentrum (Hasselt / Belgien) und die Escuela Professionale Emigrati / Berufsschule der Emigrierten (Zürich).
Aus diesem Dachverband ist Anfang der neunziger Jahre in Deutschland und Belgien die Paulo-Freire-Gesellschaft e.V. München entstanden, die sich der Aufgabe stellt, die theoretischen Grundlagen der Freire-Pädagogik zu erforschen und die Praktiker mit den Forschern in Verbindung zu bringen. Zahllose Fachtagungen wurden in den verschiedenen europäischen Ländern durchgeführt.
Vor allem in Latein- und Mittelamerika hat Paulo Freire grundlegende Veränderungen in der Erwachsenenbildung bewirkt, aber auch in Afrika bildet sein Ansatz die Grundlage der bildungspolitischen Basisarbeit.
Freire selbst hat längere Zeit in den ehemaligen portugiesischen Kolonien (Angola, Mozambik, Sao Tome und Principe) gearbeitet und dort einen entscheidenden Einfluß auf das Bildungssystem ausgeübt.
Heute werden die anthropologischen und pädagogischen Prinzipien der Freire-Pädagogik in Schwarzafrika in zahllosen Bildungsorganisationen angewandt. Das letzte Heft unserer Zeitschrift für befreiende Pädagogik ist diesen Projekten gewidmet.
Für Juli dieses Jahres war Paulo Freire von der UNESCO zum Weltkongress der Erwachsenenbildung nach Hamburg eingeladen, die Paulo-Freire-Gesellschaft plante eine Tagung in Loccum und Treffen mit ihm in verschiedenen Städten. Ein Sammelband mit Berichten aus der Arbeit in unseren europäischen Situationen ist für Sommer geplant. Die Universität Oldenburg wollte ihm die Ehrendoktorwürde verleihen.
Für das Wintersemester '97 hatte ihn die Harvard-Universität zur Entwicklung einer Pädagogik für das 21. Jahrhundert eingeladen.
*) Vorstand der Paulo-Freire-Gesellschaft 1996-98: Eva Maria Antz (Köln-Brühl), Marita Hecker, Frankfurt, Dr. Heinz Peter Gerhardt (Bonn), Fritz Letsch (München), Prof. Dr. Manfred Peters (Namur), Andreas Schauder (Schallstadt-Wolfenweiler), Heinz Schulze (München) Dr. Ilse Schimpf-Herken, Berlin
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