Paulo-Freire-Gesellschaft - entwicklungsdienst theater -methoden, der KollegInnenkreis befreiender PädagogInnen mit dem Theater der Unterdrücktenund hier unser Nachruf für Paulo Freire, verstorben am 2. Mai 1997


Entwurf für eine internationale Fachkonferenz 23.-27. Okt '97 in München

Theaterpädagogik und Empowerment


[[|On the way to Legislative Theatre: Workshop mit Augusto Boal]]

Vom Theater der Unterdrückten zum Legislativen Theater ...

...ist nicht nur ein neuer Weg im Theater und in der Theaterpädagogik beschritten worden, sondern in der politischen Antizipation eine Verbindung von befreiender Pädagogik und den verschiedenen Formen gemeinschaftlicher bis gesellschaftlicher Organisation wie Community Organizing skizziert.

Typischerweise stösst die Idee des Legislativen Theaters hierzulande auf heftige Skepsis: Sind wir doch vollauf damit beschäftigt, die Blockaden in der besten aller Demokratien zu begreifen, können wir nicht gleich an andere Modelle denken, noch dazu, wenn sie aus dem wilden Süden kommen.

Die dortigen größeren Aufgaben haben auch andere Kräfte wachsen lassen, zwischen Elend und en Resten der Militärdiktatur, irrsinnigen Zinszahlungen an die Weltbank und eruptiver Entwicklung neue Formen der Selbstorganisation und der politischen Mitwirkung zu finden.

Es begann ganz einfach

mit dem Angebot der Gruppe um Augusto Boal an die PT (Arbeiterpartei) in Rio de Janeiro, 1991 ihren Wahlkampf zu gestalten, wenn diese im Gegenzug später für Räume und Finanzierung der Grundlagen der Theaterarbeit eintreten würde. Der Zustimmung folgte die Bitte, auch einen Kandidaten für die Wahl zum Senat zu benennen, die zuerst nicht so ganz ernst genommen wurde, da Wahlkampf in Rio dem Karneval verwandt ist und etwa 1200 Bewerber (Anmerkung 1) für 42 Plätze kandidieren.

Da die Presse auf die neuen politischen Formen heftig reagierte und Augusto das Motto gewählt hatte: Es braucht Mut, glücklich zu sein, zeichnete sich doch bald ab, daá Augusto Chancen für das Amt eines Vereador hat und seine gesamte Gruppe als MitarbeiterInnen einstellen kann.
Der Stab wird mit einigen Fachfrauen zur Verwaltung, zu Recht und Organisation erweitert, und bald spielen mehr als zwanzig Gruppen in der 7-Millionenstadt nicht nur ihre eigenen Themen und die der aktuellen Rathauspolitik, sondern auch die ihrer Umgebung und des Publikums auf den Strassen und Plätzen der Stadt.

Dabei wird immer nach dem gleichen Muster gearbeitet:


Für FORUM -THEATER bereiten wir mit den Teilnehmenden eine kurze Spielszene vor, in der „ein Held, eine Heldin" exemplarisch scheitert: Dem Publikum bleibt vorbehalten, Lösungen für das Problem durch Übernahme der Hauptrolle zu finden.

Auf dieser brechtischen Grundlage, nach der Theater immer der Veränderung dient, werden die Versuche und Vorschläge des Publikums protokolliert und ins Rathaus zur Auswertung und Aufbereitung gegeben, zu Eingaben verarbeitet und weiter diskutiert.
Neben der Einbeziehung der interessierten Mitspielenden kommt eine Auseinandersetzung in Gang, die nicht nur zwischen den Gruppen in Fiestas vertieft wird, sondern auch fachlich alle Ebenen der Verwaltung ergreift: Nach dem behindertengerechten Umbau der vorher gefährlichen Telefonzellen wurde ein Gesetz zum Zeugenschutz auf den Weg gebracht, um überhaupt Verbrechen verfolgen zu können, auf den verschiedensten Ebenen Umweltschutz entwickelt und Altenmedizin eingerichtet.
Die Legislaturperiode endete Dezember 1996, die Gruppe um Augusto will jetzt, nachdem die PT in einigen anderen Städten auch BürgermeisterInnen stellt, diesen anbieten, mit dem Legislativen Theater zu arbeiten.

Von den Grundlagen des Theater der Unterdrückten ...


sind hierzulande oft nur die ersten Methoden bekannt, wie sie auch im suhrkamp- Büchlein (Anmerkung 2) beschrieben sind:


Das STATUEN-THEATER kann den Blick schärfen: Wo haben wir Druck, woher kommt er, wo gebe ich nach? Der Blick für den Körper löst ein Tabu unserer Kultur.


FORUM-THEATER holt die Antwort für eine Problematik aus dem Publikum: Es kann eine Szene, die von einer Gruppe mit schlechtem Ausgang vorgestellt wird, anders zu Ende zu spielen, indem jemand in die Rolle der Unterdrückten einsteigt.

Das UNSICHTBARE THEATER stammt aus der Zeit der Zensur: Was ist bei uns so verboten und tabu, daß wir es mit einer öffentlichen Szene erproben sollten, von der niemand erfährt, daá es Theater war? In der Aktionsforschung findet es heute adäquate Anwendung.

... bis zu psychologischen Methoden ...


Der POLIZIST IM KOPF und der REGENBOGEN DER WÜNSCHE sind hilfreiche Techniken, unsere Gedanken zu ordnen und den Blick auf die Wirklichkeit mit den Augen der Anderen zu üben. (Anmerkung 3)


Leider sind diese Techniken hierzulande noch nicht sehr verbreitet, da in der allgemeinen Bildungsarbeit dafür meist zu wenig Zeit eingesetzt wird.

... und zur politischen Umsetzung

reicht die Palette der Anwendungen auch hierzulande: Vor allem in der politischen Bildung, aber auch in der Aus- und Fortbildung bei SozialpädagogInnen sind die Methoden an vielen Hochschulen bereits Standard, wogegen die direkte Anwendung in politischen Aktionsgruppen mangels konzentrierter längerer Entwicklungsarbeit zurückgegangen ist.
Neue Bedeutung könnte den bewußtseinsbildenden Faktoren zukommen, wenn Grundlagen für längerfristig arbeitende Theatergruppen auch auf beruflicher Ebene geschaffen werden könnten, die Auftragsarbeiten wie Aids-, Gewalt- und Suchtprävention, Konfliktbearbeitung und Bürgerbeteiligung professionell übernehmen. Bislang sind die innovationsbereiten Einrichtungen meist nicht mit den Finanzen gesegnet ... und umgekehrt.

Vorgesehener Ablauf

Öffentliche Informationsveranstaltungen:

Einführungsabend Do 23. Okt. '97 ca 19 -22 Uhr im Gasteig, Kleiner Konzertsaal

< style="font-weight: bold;">Schluß-Vorstellung Sa 25. oder Mo 27. Okt. '97 ca 11 -14 Uhr im Rathaus (Kleiner Sitzungssaal)
Einführungsabend: Vom Theater der Unterdrückten zum Legislativen Theater

in Zusammenarbeit u.a. mit dem Kulturreferat der Landeshauptstadt München

und der Offenen Akademie der Volkshochschule München im Rahmen der Lateinamerikawochen
In der Schilderung des Entstehens der Methoden des Theater der Unterdrückten wird schon anschaulich, was diese im südamerikanischen Kontext bedeuten: Weit ursprünglichere Mitwirkung, aber auch klare Forderungen in der politischen Auseinandersetzung: Tiefe und Präsenz, wie sie im lebensweltlichen Ansatz des Pädagogen-Freundes Paulo Freire auch aus dem Publikum ermöglicht wird. Eintritt 20.- bis 8.-
Schluß-Vorstellung: Die Anwendung der Methoden durch Interessierte in München in Zusammenarbeit u.a. mit den BürgermeisterInnen und den politischen Parteien (angefragt)
Auch wenn wir nicht gleich ins Rathaus einziehen werden (oder vielleicht probeweise mit dieser Veranstaltung?), ist es auch hier möglich, die Themen und Probleme der Bevölkerung in Beispielen und Szenen sichtbar zu machen. Die Lösungs vorschläge für die Situationen, die hoffentlich die jeweilige Sache auf den Punkt bringen, erwarten wir dann vom Publikum.
Eine Gruppe von Teilnehmenden wird kurze Stücke mit Augusto Boal erarbeiten, die der Öffentlichkeit, der Presse, den BürgermeisterInnen und den Stadträten zur Veränderung vorgestellt werden.

Do 23. - Mo 27. Okt. '97


Internationale Fach-Konferenz zur befreienden Theaterpädagogik

und öffentliche Workshops mit Konferenz-Teilnehmenden:

in der Fachhochschule München, FachBereich 11 Sozialwesen, Pasing, Am Stadtpark 20,

vormittags jeweils ca 3 Stunden öffentliche Workshops, zu einem Thema, mit Übungen und Beispielszenen, Diskussion und Umsetzungsversuchen in den Alltag und die politische Praxis. in deutsch, englisch, französisch oder italienisch, mit Arbeitsbeispielen und Erfahrungsberichten aus der Arbeit der jeweiligen KollegInnen in den Bereichen wie Schule, Hochschule, Psychiatrie, Drogenarbeit, politischer Bildung, Therapie, Entwicklungspolitik, ... abends Gelegenheit zum kollegialen Austausch,

Themenbereiche: erster Vorschlag zu Arbeitsbereichen, bitte ergänzen / variieren, immer mit dem Gedanken, daß alles (mit anderem Schwerpunkt) auch in den anderen Gruppen vorkommt ...

Theater, politische Selbstorganisation und Bildungsarbeit

Theater, Pädagogik und politische Reflexion

Theater, Selbsthilfe und Therapie

Workshop-Aufbau

öffentlich, ca 10 - 13 Uhr (ab 9 Uhr Vorbereitung)

Donnerstag Vorstellungsrunde, Fachbereiche, , Kurzvorstellung Arbeitsbeispiele

Freitag Workshopbeispiele zum Thema, Arbeitshintergründe, Austausch

Samstag Workshopbeispiele zum Thema, wissenschaftliche grenzen, Austausch

Sonntag Beispiel-Arbeit, fachliche Reflexion und Vereinbarungen zur Weiterentwicklung

Teilnehmende:

In unseren regelmäßigen Werkstätten und Fortbildungen kommen wir mit einem breiten Spektrum zusammen: Die Konferenz wird, zusammen mit Fachleuten aus den Bereichen Empowerment und Community-Organizing, den Einsatz theaterpädagogischer Mittel im Bereich der Selbstorganisation sowie im interkulturellen Bereich austauschen und Möglichkeiten besserer Ansiedlung sowohl in den Ausbildungs- und Fortbildungsbereichen pädagogischer. sozialer, therapeutischer und kommunikativer Berufe, aber auch in den kulturellen Sparten und im Arbeits- und Wirtschaftsbereich erarbeiten. Teilnahmebeitrag 100.- ermässigt bis 5.-

On the way to Legislative Theatre: Workshop mit Augusto Boal

nachmittags 15-18 Uhr in englisch, mit ca. 40 Teilnehmenden von Schülern bis zu Hochschul-Mitarbeitenden, für therapeutische, künstlerische, soziale und pädagogische Berufe mit Interesse an interkultureller Arbeit, die bereits an irgend einer Einführung in die Methoden des Theater der Unterdrückten teilgenommen haben. Teilnahmebeitrag 400.- ermässigt bis 50.-

vormittag (9) 10- 13 Uhr FHM
nachmittag 15 - 18 Uhr FHM
abend 19 - 22 Uhr
Do 23. Oktober '97
Vorbesprechung

Workshop Konf-Teilnehmende
Workshop Boal
Einführungsabend Gasteig
Fr 24. Oktober
Workshop Konf-Teilnehmende
Workshop Boal
Konferenz-Austausch
Sa 25. Oktober '97
Workshop Konf-Teilnehmende
öffentliche Diskussionen
Workshop Boal
So 26. Oktober '97
Workshop Konf-Teilnehmende
Workshop Boal
Vorstellung Ergebnisse
Mo 27. Oktober '97
gemeinsame Zusammenfassung
gemeinsamer Abschied

dies ist joel's englische homepage zum Theatre of the Oppressed, die jetzt toni sant weiterführt


Finanzierung:

Ein großer Teil der Kosten soll durch Kooperationen im niedrigsten Bereich gehalten werden: So kann die Werbung über die Medien der vielen Kooperanten ohne großen Aufwand breit gestreut werden, (incl. Lateinamerika-Wochen des Kulturreferates) können Fachhochschule, Kulturreferat, Stadtverwaltung und Volkshochschule durch Bereitstellung von geeigneten Räumen und Technik Sachbeiträge leisten, werden Übernachtungen, soweit möglich im privaten und kollegialen Rahmen organisiert, sowie Mittel der EU für die internationale Zusammenarbeit eingesetzt.

Ausführlicher Rundbrief: vor Kurzem ist eine Zusammenstellung zu den Entwickungen in Rio, Einladung und Bericht zum 8. Internationalen Festival in Toronto, mit Beiträgen aus der Arbeit der Assoziation GIOLLI in Italien und unserem Fortbildungsprogramm in Süddeutschland erschienen. Bitte anfordern, Teile gibt's auch auf anderen Seiten hier ...

fritz letsch, **und hier ein Workshop-Bericht von Sabine Bollenbach**


Literatur:

Zeitschrift für befreiende Pädagogik der Paulo-Freire-Gesellschaft, Adlzreiterstr. 23, 80337 München, Heft 10: Es braucht Mut, glücklich zu sein: Anwendungen des Theater der Unterdrückten in versch. Ländern, nur noch im Netz unter
Inge Ruth Marcus, Trudi und Heinz Schulze: Globales Lernen, Projekte, Prozesse, Perspektiven, AG Spak Verlag München __http://www.leibi.de/spak-buecher/__
Susana Pendzik: Gruppenarbeit mit mißhandelten Frauen, AG Spak M 129 http://www.leibi.de/spak-buecher/
Flavia Mädche: Kann Lernen wirklich Freude machen? Der Dialog in der Erziehungskonzeption von Paulo Freire, AG SPAK München http://www.leibi.de/spak-buecher/
Augusto Boal: Theater der Unterdrückten, Übungen und Spiele für Schauspieler und Nicht-Schauspieler SUHRKAMP-TB NF 361,
Games for Actors and Non-Actors, und neu: The Rainbow of Desire, (...) Rootlegde, London1995
Daniel Feldhendler: Psychodrama und Theater der Unterdrückten, erweitert, ffm 92 und:

Das Leben in Szene setzen! Ansätze für eine fremdsprachliche Dramaturgie, in: Die Neueren Sprachen, Bd. 90 Heft 2,April 1991 Diesterweg ffm und:

Einsatz von Dramaturgischen und Psychodramatischen Lehr- und Lernformen in der Fremdsprachenausbildung, in: Praktische Handreichungen für den Fremdsprachenlehrer, Hg: Jung, Udo O.H.
Bernd Ruping (Hrsg.): "Gebraucht das Theater, Die Vorschläge von Augusto Boal: Erfahrungen, Varianten, Kritik" bei: Theaterpädagogisches Zentrum Lingen, Universitätsplatz 5-6. oder Bundesvereinigung Kulturelle Jugendbildung, Küppelstein 34, Remscheid, 1991
Arbeitsstelle Weltbilder, Agentur für interkulturelle Pädagogik Münster und Schulstelle der AG Bern:

Spiel-Räume, ein Werkbuch zum Boal'schen "Theater der Unterdrückten" Münster/Bern 1993 (südstr. 71b, 48153 münster, 0251-72009 oder Schulstelle, monbijoustr. 31, ch-3001 bern
Simone Neuroth: Augusto Boals "Theater der Unterdrückten in der pädagogischen Praxis, Deutscher Studien Verlag Weinheim 1994
Gisela Honens (Freiburg) und Rita Willerding (Kassel): Praxisbuch feministische Theaterpädagogik, Brandes & Apsel, wissen & praxis 43 ffm'92
Korrespondenzen Zeitschrift für Theaterpädagogik über Prof. Gerd Koch an der Alice-Salomon-FHS, Karl-Schrader-Str. 6, 10781 Berlin (8.-)
Videofilm: "Theater, wie im richtigen Leben!" interkulturelles schul - theaterprojekt "miteinander reden lernen", Verleih und Bezug über das Inkomm, INKOMM Projektzentrum interkulturelle Kommunikation, Rupprechtstr. 25-27, 80636 München,tel. 089-121643-06,fax 089-121643-07 Euro 20.- für Einrichtungen (mit Aufführungsrecht) und Euro 12,50 für Privat.


Inzwischen auch:

Fritz Letsch: Theater macht Politik ...


Helmut Wiegand: Europ. Anwendungen ...


Aktualisiert 01.05.03 + 13.10.04



Anmerkungen

(1) Ich bleibe hier bei der männlichen Form, da ich bisher nur von Männern in diesen Ämtern gehört habe. zurück

(2) augusto boal: theater der unterdrückten, Übungen und spiele für schauspieler und nicht-schauspieler, suhrkamp frankfurt / main 1989 retour

(3) augusto boal: the rainbow of desire, the boal method of theatre and therapy, routledge london und new york 1995 and back

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